Pressebericht vom 20.05.2006

von Sebastian Driemer

Nachstehender Pressebericht erschien in der Dülmener und Borkener Zeitung, jeweils im Panorama-Teil der Wochenendausgaben.

Die Nacht der Strategen

Pressefoto (c) Driemer

Es sind 13, als die Barbaren angreifen. Peter vom Volk der Zwerge beginnt zu zählen - fünf Städte stehen auf der Insel Talis, eine auf Roja, die vier übrigen Holzkirchen sind auf Catan entstanden. 13 hätten es sein dürfen. Die Macht der 13 Ritter genügt, um die Räuber zurückzuwerfen. Dieses Mal. Für sein Engagement erhält Waldelf Marcus weit nach Mitternacht einen Siegpunkt, den siebten.Hintergrund Info

Catan, Ritter, Siegpunkte - klar, alles schon mal da gewesen. Aber Talis? Roja? Zwergenvölker und Waldelfen? Hintergrund Info Seit über drei Jahren entwickeln zehn Strategen des „West Münsterland Catan Clubs" den Klassiker „Die Siedler"; stetig weiter. Einen fliegenden Holländer, Vulkanfelder, Bierchips, Ergänzungen zu offiziellen Ergänzungen, dazu selbst gebastelte Punkteübersichten und Ereigniskarten sind im Kreis Borken entstanden. Am Tisch mit seinem drei Meter langen Szenario sitzen seit Sonnenuntergang sieben 30- bis 40-Jährige und kämpfen beim Monstersiedeln um den Sieg. „Wir sind die Selbsthilfegruppe derer, die strategisches Interesse an Siedler haben", erklärt Peter und sichtet die Rohstoffkarten in seiner Hand. Er vergleicht den Kult des Clubs um Catan mit Schach. „Eine Vereinsregel ändern, das ist so, als würde man dem Springer eine neue Eigenschaft geben."

„Die Siedler von Catan" ist kein Brettspiel im klassischen Sinne, denn es fehlt das Brett. Stattdessen besteht das ursprüngliche Spiel aus rechteckigen Feldern, die vor Spielbeginn so aneinander gelegt werden, dass eine Kreisform, die Insel Catan, entsteht. Die Platten zeigen Acker, Hügel, Weide, Wald und Getreide sowie etwas Wüste. Die Aufgabe der Spieler ist es, Catan mit Siedlungen, Städten und Straßen zu besiedeln.
Für den Bau brauchen sie Rohstoffe, die die einzelnen Felder abwerfen. Weizen, Erz, Schafwolle, Lehm und Bäume tauschen die Spieler.
„Die Siedler von Catan" hat sich im Laufe der Jahre gewandelt - unter anderem sind Erweiterungen für die hohe See erschienen und Kartenspiele. Diese zusätzlichen Möglichkeiten spornten zahllose Siedler an, das Spiel auf eigene Faust weiterzuentwickeln. Es gibt eine jährliche Siedlermeisterschaft. Im Erscheinungsjahr 1995 erhielten „Die Siedler" den Kritikerpreis „Spiel des Jahres".

Änderungsvorschlägen folgen Internet-Diskussionen, Testspiele und ein vereinsinterner Beschluss. Für Zweifelsfälle liegt das 70 Seiten starke Regelwerk, der „Codex Catanum", griffbereit. Trotzdem sind die „wehrten Ritter von Catan" in einer kniffeligen Situation mit ihrem Latein am Ende. Die sieben Strategen diskutieren hin und her, bis Michael aufsteht und fordert: „Ich stelle den Antrag, das bei unserem nächsten Treffen zu diskutieren und die Regel zu ändern." Damit kein falscher Eindruck entsteht: Im Kampf um die Vorherrschaft Catans geht es alles andere als ernst zu. Die Siedler flachsen in einer Tour. „Spiele so", versucht sich Peter am Fairness-Grundsatz des Qubs, „dass die Leute morgen noch mit dir spielen wollen." - „Warum machste das dann nicht?", mault Westgote Boris grinsend.

„Die Urzelle lag in unserer Nachbarschaft", erinnert sich Peter und würfelt nebenbei eine 9. Rohstoffe bekommt er diesmal nicht. „Wir dachten uns", sagt Peter, „dass wir mehr Erweiterungen brauchten, und kauften sie nach und nach alte." Soweit er weiß, existiert nirgends in Deutschland ein Club wie der im Kreis Borken. „Eigene Erweiterungen spielen Tausende, aber nicht so regelmäßig und intensiv wie wir.

Gegen halb drei in der Nacht wird es merklich stiller. Das Geplänkel, für den Durchschnittsspieler ein packendes Match, ist vorüber. Die Siedler sprechen wenig. Überlegen pro Zug zehn Minuten und länger. Nippen an ihren Gläsern mit Meet vom Fass. Dann setzt der abgeschlagene Michael Dagmar mit einem klugen Schachzug zu, doch ihm fehlt eine Rohstoffkarte, um das Ruder komplett zu seinen Gunsten herumzureißen.

Drei Würfe und 40 Minuten später ist Marcus wieder im Spiel. Keiner hat weniger als acht, keiner mehr als elf Siegpunkte. So ist das auch gedacht, erklärt Peter: „Wir haben mit unseren Änderungen den Faktor Glück des Basisspiels von der Hälfte auf weniger als ein Drittel reduziert. "Hier liegt für die Siedler der eigentliche Reiz: „Man muss verschiedene Strategien verfolgen können", sagt Peter. Und Dunkelelf Klaus ergänzt: „Um zu gewinnen, bist du nicht auf die Schwächen anderer angewiesen. Wer gewonnen hat, hat nicht Glück gehabt, sondern war einfach besser." Die Nachtschicht entwickelt sich zu „einem Kampf bis aufs Messer", schließlich geht es auch um Punkte für die interne Saisonwertung. Um halb vier ist trotzdem Schluß. Gegen 13 Ritter können die Siedler zwar ankämpfen, aber nicht gegen die Bettschwere. Für wenige Stunden erlischt das künstliche Licht über den Städten und Rittern Talis', Rojas und Catans.
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